Tiefste österreichische Provinz. Eine junge Klimaaktivistin klebt sich auf einer Straße fest – und versperrt einem Bauern auf seinem Traktor den Weg. Dieser Zufall führt Nele und Konrad zusammen. Wenig später hat es das ungleiche Duo mit einer Leiche, der Polizei und einer Verschwörung zu tun, die so absurd ist, dass sie nur wahr sein kann. Die Klimakrise ist schlimm? In Wahrheit ist alles noch viel, viel schlimmer. Ein spannender, temporeicher Roman. Mit scharfem Blick und feinem Humor erzählt Christian Dürnberger, warum wir nichts unternehmen, während die Welt in Flammen aufgeht – und warum alles Glut wird.
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Christian Dürnberger, geboren 1981 in Österreich, arbeitet als Philosoph an diversen Universitäten. Er ist Autor von Romanen, Sachbüchern sowie Kurzgeschichten und lebt in Wien und Salzburg.
Nele klebte sich auf der Straße fest und wartete. Sie hatte gewusst, dass in dieser Gegend nicht gleich ein Auto kommen würde, mit einer Viertelstunde aber hatte sie dann doch nicht gerechnet. Fünfzehn Minuten saß sie auf dem heißen Asphalt in der prallen Sonne. Fünfzehn Minuten, in denen nur das Muhen von Kühen und zirpende Grillen zu hören waren. Und einmal das ferne Läuten einer Kirchenglocke. In der tiefsten österreichischen Provinz war also alles sterbenslangweilig: nicht nur die Sommerferien, auch der Klimaprotest. Als endlich Motorenlärm anschwoll, klang er in Neles Ohren wie scheppernder Techno. Mit kaputter Soundanlage. Wenige Augenblicke darauf sah sie einen alten Traktor in der Ferne die Straße entlangkommen, dahinter einen roten Kombi. Gleich wäre es also soweit. Gleich würde die Konfrontation beginnen. Hier, wo sie sich festgeklebt hatte, war sie aus beiden Fahrtrichtungen von weitem zu sehen. Das Ganze sollte schließlich eine Klimaschutzaktion werden – und kein Selbstmordkommando. Das aber war nicht der einzige Grund gewesen, warum sie gerade diese Stelle gewählt hatte. Rechts von ihr stieg eine steile Böschung an, links ging es in einen Graben hinab. Mit anderen Worten: Wer diesen engen Abschnitt der Landstraße passieren wollte, musste erst sie aus dem Weg räumen: die lebendige Straßensperre. Und genau darum ging es. Der Technosound wurde noch schleppender. Dann hielt der Traktor vor ihr an; nahe genug, dass Nele den Gummi seiner riesigen Reifen riechen konnte. Und seit heute wusste sie, wie erbärmlich dieser Gummi stank. Der Mann in der Fahrerkabine sah aus, wie Nele sich einen Bauern vorstellte. Hagere Statur, unfreundliches Gesicht, schmutzige Arbeitskleidung, nicht mehr ganz jung. Wahrscheinlich so um die 50. Stirnrunzelnd sah er auf sie hinab. Erst nach langen Augenblicken verstummte der Motor. Nele heftete ihren Blick zu Boden während ihr Herzschlag ins Ungesunde beschleunigte. Ja, sie hatte Angst, natürlich hatte sie das – aber sie hatte auch einen festen Vorsatz: Sie würde ihre Angst nicht zeigen. Es war ihr erstes Festkleben. Ihre Premiere. Zu Hause in Hamburg hatte sie immer bloß dabei zugesehen. Ohne Zweifel war es dumm, ja Wahnsinn, ausgerechnet hier und allein zum ersten Mal selbst aktiv zu werden – aber heute Morgen, nach dem Frühstück mit ihrer Oma, hatte es Nele schlicht und ergreifend gereicht. Ihr reichte der Speck auf dem Teller; ihr reichte der Satz ›Aber die Chinesen blasen doch noch viel mehr Dreck in die Luft!‹; ihr reichte das Wegschauen und das Lügen. Auch das angeblich so idyllische Leben auf dem Land fackelte freudig den Planeten ab. Dafür sorgten all die Einfamilienhäuser, Grillfeste, Kühe und Zweitautos. Warum also sollte man die Provinz vom Protest verschonen? Im Gegenteil: Gerade hier musste man das fossile Zeitalter anprangern! »Geht’s dir nicht gut?«, fragte der Bauer, während er von seinem Gefährt herunterkletterte. Nele war sich unsicher, ob sie die seltsam tonlos ausgesprochenen Worte richtig verstanden hatte. Offensichtlich hielt der Mann sie für eine Einheimische, mit der man im ortsüblichen Dialekt sprechen konnte – dem aber war ganz und gar nicht so. Nele antwortete nicht, sondern starrte weiterhin bloß stumm zu Boden. »Was ist hier los?«, fragte eine weibliche Stimme. Ohne Zweifel die Fahrerin des roten Kombis. Nele hatte sich vorgenommen, so wenig wie möglich zu reden. Ein Student, mit dem sie mehrmals auf Demos ins Gespräch gekommen war, hatte diese Strategie ›die Erhabenheit des Schweigens‹ genannt: Die Sachlage sei klar, hatte er doziert, die Moral wäre auf ihrer Seite, genauso wie die wissenschaftlichen Fakten, daher sollte man sich gar nicht erst auf eine Debatte einlassen. Die Zeit für Diskussionen wäre vorbei, im Grunde seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio, mit Sicherheit aber seit der UN-Klimakonferenz in Paris 2015; nun sei das Zeitalter des politischen Handelns angebrochen, aber da eben dieses ausblieb, brauchte es Widerstand. Brauchte es menschliche Straßensperren. Nele kam diese Strategie durchaus gelegen. Zwar war sie keinesfalls eine dieser verschüchterten Teenagerinnen, die den Mund nicht aufbekamen und bei jedem Gespräch mit einer Autoritätsperson zu stottern begannen; hier und heute jedoch handelte es sich um eine Ausnahmesituation: Sie war in der Fremde. Sie war allein. Und sie wusste, dass derartige Situationen oft eskalierten. Daher war es ihr alles andere als unlieb, so wenig wie notwendig zu sprechen. Ein paar Sätze brauchte es dann aber doch, ansonsten hätte ihr Protest keine Botschaft. Und ›die message‹, wie der Student ihr erklärt hatte, konnte man ›gar nicht oft genug in die Köpfe der Menschen hämmern.‹ Je früher sie mit diesem ›Hämmern‹ begann, desto besser, dachte Nele. Sie hob ihren Blick und spürte plötzlich, wie trocken ihr Mund war. »Ich habe mich hier festgeklebt«, begann sie die Worte aufzusagen, die sie sich heute am frühen Nachmittag zurechtgelegt und dann auswendig gelernt hatte, »um für das Ende des fossilen Zeitalters zu demonstrieren.« Auch wenn ihre Stimme nicht zitterte, so klang sie doch brüchig und weniger forsch als erhofft. Sie schluckte; oder versuchte zu schlucken. Bei ihrer nächsten Protestaktion würde sie mehr trinken. Oder sich einen Platz im Schatten suchen. »Was?«, entfuhr es dem Bauern. Präziser ließ er so etwas wie ›Woos?‹ hören. »Festgeklebt?«, fragte die Frau verwirrt, als hätte sie dieses Wort noch nie gehört – nur einen Augenblick darauf breitete sich in ihrem Gesicht jedoch jene Zufriedenheit aus, wie sie mit jäher Erkenntnis einherging. »Aaah!«, stieß sie hervor. »Von denen lesen wir doch ständig in der Zeitung«, sagte sie zu dem Landwirt, während sie mit ihrem Finger auf Nele zeigte. »Das ist die Bagage, die sich überall festklebt, um gegen den Klimawandel zu protestieren, Konrad!« Damit war nicht nur klar, dass sich die Beiden kannten, wie man sich in einem kleinen Dorf in den österreichischen Voralpen eben kannte, sondern auch, wie die Frau über Neles Klimaaktivismus dachte: ›Bagage.‹ Wohlwollende Unterstützung klang anders. »Ich dachte, das macht ihr nicht mehr, dieses Festkleben? Stürmt ihr nicht jetzt Theater und Flughäfen oder so? Wer bist du überhaupt?«, fragte sie nur eine Sekunde darauf in vorwurfsvollem Ton. »Wir verwandeln die Erde in eine brennende Hölle«, sagte Nele, als wäre dies die Antwort auf die eben gestellte Frage. »Die Wissenschaft …« »Aaah … jetzt weiß ich, wer das ist«, unterbrach sie die Frau. »Das ist die Enkeltochter von der Reitnerin«, erklärte sie dem Bauern. »Du weißt schon. Wo die Anna damals nach Deutschland gegangen ist. Deswegen redet die so piefkinesisch. Du lebst in Berlin, hab’ ich Recht?«, fragte sie Nele. Auch das klang wie ein Vorwurf. »Und du bist auf Urlaub bei deiner Oma?« »Hamburg«, verbesserte Nele sie. Und von ›Urlaub‹ konnte weiß Gott keine Rede sein, vielmehr hatten sie ihre Eltern hierher, in die öde Provinz, einfach abgeschoben. »Dann eben Hamburg«, sagte die Frau unwirsch. »Mir egal. Jetzt geh’ auf die Seite bevor ich deine Oma hol’. Ich muss Einkaufen fahren.« Nele rührte sich keinen Zentimeter. Das war ja genau das Problem, dachte sie: ›Einkaufen fahren.‹ Überall fuhren diese Landmenschen mit ihren fetten Autos hin. Auf die Idee, einen Bus zu nehmen, waren sie in den vergangenen Jahrzehnten nie gekommen. Kein Wunder, dass es hier kaum Öffis gab. In diesem Augenblick war ein weiteres Auto zu hören, dieses Mal von der anderen Seite. Nele fuhr herum. Zwar wäre es ihr lieber gewesen, auch hier eine gewisse ›Erhabenheit‹ zu zeigen, indem sie einfach weiter geradeaus starrte, als wäre sie von einer tiefen, meditativen Ruhe durchströmt, die Wahrheit war jedoch eine andere: Wenn du auf der Straße sitzt und hinter deinem Rücken brummt etwas, dann drehst du dich verdammt noch mal um. Laut Logo war es der Firmenwagen eines Dachdeckers. Der Fahrer, ein junger Mann in kurzen Hosen, stieg aus, ohne den Motor seines Kleinbusses abzustellen – Benzin war also immer noch nicht teuer genug, dachte Nele. Der Neuankömmling – auch hier kannte man sich – wurde von der Frau in wenigen Worten über die Sachlage unterrichtet. Kaum hatte die Fahrerin des Kombis geendet, legte der Dachdecker auch schon los. »Jetzt kommt dieser Blödsinn also auch zu uns«, fluchte er. »Die sollen lieber arbeiten gehen, statt sich irgendwo festzukleben! Anpacken statt anpicken!« »Genauso ist es«, sagte die Frau, und ihre Zustimmung schien den Dachdecker, der ohnehin von 0 auf 100 in Fahrt gekommen war, noch weiter anzustacheln. »Ich hab’ einen Bericht über dieses Pack gesehen«, wetterte er. »Im Fernsehen. Wisst ihr, wer das ist? Wer sich da festklebt? Die verzogenen Kinder der Reichen! Verwöhnte Gören, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben! Die kleben sich fest! Irgendwelche Kinder von Ärzten aus der Stadt wollen uns vorschreiben, wie wir zu leben haben! Soweit kommt’s noch!« Hatte er bislang mit der Frau und dem Bauern gesprochen, wirbelte er nun zu Nele herum. »Kleb’ dich in deiner verdammten Stadt fest!«, heischte er sie an. »Nicht hier, wo die Leute noch einer ehrlichen Arbeit nachgehen!« Trotz der Sprachbarriere konnte Nele ihm inhaltlich bestens folgen: Der Mann war wütend und klang, als hätte er nur darauf gewartet, endlich einmal seinen Frust über den Klimaschutzaktivismus in die Welt zu schreien. »Ich muss zur nächsten Baustelle! Im Unterschied zu dir müssen manche Menschen nämlich arbeiten!« Schnaubend starrte er auf Nele hinab, während sie versuchte, nicht in Panik zu geraten. Im Grunde kam alles, wie erwartet, denn so waren die Menschen nun einmal: dumm, aggressiv und egoistisch. Sie aßen Schnitzel, buchten Kreuzfahrten, ließen den Motor ihres Firmenwagens laufen und wenn man sie auf die Konsequenzen ihres Handelns hinwies, begannen sie wie wild zu brüllen. Nele blieb stumm. ›Die Erhabenheit des Schweigens‹ schien jedoch einen erheblichen Nachteil mit sich zu bringen: Sie machte das Gegenüber nur noch wütender, denn nun geriet der Dachdecker endgültig in Rage. Mit wutverzerrtem Gesicht machte er zwei Schritte auf Nele zu, sie glaubte schon, seine dicken Finger um ihre Arme spüren zu können – und da war sie es, die schrie. »Die Welt wird unbewohnbar!« Furcht und Wut mischten sich in ihrer Stimme zu einem heiseren animalischen Klang, den sie nicht von sich kannte. »Warum hat denn niemand von euch Panik?« ›Die Erhabenheit des Schweigens‹ musste sie also noch üben, aber immerhin hatte ihr Aufschrei funktioniert: Der Dachdecker hatte innegehalten. »Panik?«, fragte er und es klang wie das Bellen eines Hundes. »Ich kenn’ jemanden, der Panik haben sollte, und zwar du!«, giftete er sie an. Sie konnte seinen Atem riechen. Der Hauch irgendeines Fleischgerichts lag in der Luft. Kadaver-Aroma. »Ich sollte die Polizei rufen«, fuhr er fort. »So Gören wie du gehören ins Gefängnis.« Mit diesen Worten wurde sein Gesicht erneut zu einer zornigen Fratze. »Aber ich hab’ keine Zeit für solche Spompanadeln!«, schrie er und wieder fuhren seine Finger nach ihr aus. Der rationale Teil von Neles Gehirn fragte sich, wofür der Mann keine Zeit hatte. ›Spompanadeln‹? Klang nach einem österreichischen Dessert. Ihr Stammhirn hatte derweil Wichtigeres zu tun: Es bereitete ihre vegetativen Körperfunktionen auf ›Kampf‹ oder ›Flucht‹ vor. Beides aussichtslos. Nele wollte noch etwas über ihr ›Recht auf friedlichen Protest‹ sagen, auch das ein Zitat vom Studenten – sie kam aber nicht mehr dazu. Stattdessen zuckte im selben Moment, wie der Dachdecker sie packte, ein jäher Schmerz durch ihre festgeklebte Hand, die eben genau das nicht mehr war: festgeklebt. Nele schrie auf. So laut, dass der Dachdecker sein ließ, was auch immer er vorgehabt hatte. Von einer Sekunde auf die andere war die Aggression, die gerade noch seine Arme gelenkt hatte, wie verpufft. Unschlüssig stand er neben ihr, ganz so, als wäre er gerade erst wie aus dem Nichts erschienen und selbst am meisten darüber erstaunt, dass neben ihm ein Mädchen schrie. Nele zwang sich zu verstummen. Ihre Hand fühlte sich nach tausend Nadelstichen an. »Sie blutet«, sagte der Bauer. »Das seh’ ich auch«, murrte der Dachdecker. »Ich dachte, die tun nur so, als würden sie sich festkleben.« Der Satz klang nach einer mürrischen Erklärung, nicht nach einer Entschuldigung. Nele umfasste ihre schmerzende Hand und hoffte, dass niemand ihre Tränen sah. Aber das war natürlich Bullshit. Jeder konnte sehen, dass sie weinte. »Die Straße ist jetzt jedenfalls wieder frei«, sagte der Dachdecker trotzig. »Na ja, sie sitzt ja immer noch da«, warf der Bauer ein. »Aber nicht mehr festgeklebt«, erwiderte der Dachdecker, als müsste er einem Kind einen simplen Sachverhalt erklären. Einem äußerst dummen Kind. »Ich muss jetzt jedenfalls los«, fügte er genervt hinzu. Nele verstand nicht, warum ihre Hand so weh tat: Sie hatte doch extra darauf geachtet, keinen starken Klebstoff zu kaufen, das Ganze sollte doch bloß symbolischer Natur sein, nun aber hingen Hautfetzen von ihrer Handfläche herab. »Du willst sie einfach so zurücklassen?«, fragte die Frau. Auch sie klang nun weniger schneidig als zuvor. »Warum nicht?«, gab der Dachdecker zurück. »Na, weil sie blutet. Und außerdem ist sie noch ein halbes Kind.« »Wer alt genug ist, um zu demonstrieren, ist auch alt genug, um…« Dem Dachdecker fiel kein passendes Ende ein. ›Um zu bluten‹ war offensichtlich ein dämliches. Das schien sogar ihm klar zu sein. »Ist doch nur ein Kratzer«, sagte er stattdessen. »Sieht aber nach einem schlimmen Kratzer aus«, erwiderte der Bauer. »Konrad!« Der Dachdecker sprach den Namen aus, als würde er sich plötzlich voller Freude daran erinnern, dass der wortkarge Landwirt anwesend war. »Kannst du der Deutschen nicht ein Pflaster geben? Einen Verband, eine Salbe, was weiß ich!? Du wohnst doch eh gleich ums Eck. Danach bringst du sie zu ihrer Oma und alles ist gut.« »Ja!«, stimmte die Frau freudig ein. »Nicht, dass die uns noch wegen unterlassener Hilfeleistung oder so verklagt.« Sie musste irgendwann schlechte Erfahrungen mit Rechtsanwälten gemacht haben, dachte Nele, während sie noch immer ihre Hand umschlungen hielt, als könnte sie sie trösten. Der Bauer schien zu zögern. Zumindest hörte Nele keine Antwort. Als sie es schließlich wagte, trotz ihrer verheulten Augen aufzuschauen, sah sie, dass der Landwirt nickte [...]
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