Synopsis
Eine Oberbürgermeisterkarriere und Ereignisse rund um eine Abwahl - auf andere Weise erzählt ... Natürlich will niemand Ex-OB werden, denn diese Erfahrungen sollte man sich, wenn man möglichst gesund und heiter älter werden will, besser ersparen! Die Begehrlichkeiten, Schwierigkeiten und Fallstricke, die dieses Amt mit sich bringt, schreien geradezu nach einem Goldeier legenden Wollmilchschwimmvogel, der tolle Leistungen zeigt und Früchte trägt, sich zur Not aber auch schnell in Sicherheit bringen kann (zu Wasser, zu Lande und in der Luft, wenn von allen Seiten Feinde und Besserwisser nahen). Aber nicht wegen dieses Phantoms haben der Titel und viele Bezüge in diesem Buch mit der Vogelwelt zu tun; Grund ist viel mehr, dass Uro, der Hauptfigur, während seiner cht OB-Jahre in Meisenkworth immer wieder nachgesagt wurde, dass er sich mit fremden Federn schmücke und ein fremder Vogel in dieser Landschaft sei ganz ohne Herzblut für die Menschen der Stadt und ohne Kenntnis der Volksseele, die es hier gebe. Seele? In der europäischen Tradition stehen Vögel für Seele! Noch ein Bezug, aus dem sich Analogien ergeben. Sie hackten einander in der Zeit des Wahlkampfes nicht nur kein Auge mehr aus, sondern überhaupt nicht mehr aufeinander rum sondern nur noch auf ihm. Einmütig. Und ziemlich seelenlos. Uro hat s überlebt. Er ist Ex-OB geworden und weitergeflogen. Wie ihm geht es so vielen, die sich mit Zuversicht und oft mit 12- oder 14-stündigen Arbeitstagen als Oberhaupt einer Kommune in Hahnenkämpfe begeben müssen. Die Presse veröffentlicht ständig Schlagzeilen, die nahe zu legen scheinen, dass die meisten Bürgermeister korrupt, unfähig oder selbstherrlich sind. Da wird es Zeit, einen Einzelfall mal genauer anzuschauen von Anfang an!
Revue de presse
(Auszug 1) Das Böse ist der Preis der Freiheit . Auf diese, von dem Philosophen Rüdiger Safranski vertretene These fühlte ich mich immer wieder zurückgeworfen, als ich das Buch Fremder Vogel Rommelfanger von Christa Gießler las. Doch zunächst überrascht das Buch durch seine künstlerische Form. Handelt es sich um einen Roman, eine Dokumentation, eine Reportage? Das Werk entzieht sich einfacher Kategorisierung. Für mich das Wichtigste: Es ist ein spannendes Buch, das auf gründlicher Recherche beruht und eine wahre Geschichte erzählt. Das nicht an Emotionen appelliert, den Leser jedoch gerade wegen seiner Sachlichkeit nicht vor Ärger, manchmal auch Traurigkeit bewahrt. Und es ist ein politisches Buch, selbst wenn die Autorin dies nicht intendiert haben sollte. Im einzelnen geht es um die Leiden eines kompetenten, auch ehrgeizigen Oberbürgermeisters ( Uro ), der sich ein enormes Arbeitspensum auferlegt und den Erfolg für sich und seine nordschwäbische Stadt ( Meisenkworth ein anagrammatisches Versteck für Kornwestheim) sucht. Nach überzeugend gewonnener Wahl und einem gelungenen Start wird er, der Nicht-Schwabe, zunehmend zum Haßobjekt seiner Gemeinderäte, der örtlichen Vereine und der Presse: Eine ganze Stadt scheint sich schließlich verschworen zu haben, ihren OB zu vernichten. Dazu ist nahezu jedes Mittel recht; Worte werden gewendet und als Waffe benutzt, Gerichte bemüht und eine fortschreitende Diffamierung macht auch vor der persönlichen Sphäre nicht halt. Insgesamt ein Zerfall kommunaler Kultur, der auf 300 Seiten in Szene gesetzt wird. Das Buch macht ärgerlich: Gibt es keinen, der dieses fiese Spiel stoppen kann? Nein, es gibt keinen. Alles ist noch schlimmer, denn Meisenkworth ist kein Einzelfall. Die Autorin weist mit wenigen Seitenblicken immer wieder auf baden-württembergische Gemeinden hin, in denen ähnliche Spiele gespielt wurden. Wobei dieser Ausdruck Spiele trifft. Denn der Eindruck zunehmender Infantilisierung drängt sich dem Leser förmlich auf. So wird dem OB übel genommen, daß er die finanzielle Situation seiner Stadt anläßlich des Neujahresempfangs ungeschminkt darstellt statt sich, wie in einem Leserbrief anklagend formuliert, aufmunternd an seine Bürger zu richten , den Bürgern also Verantwortung und Ängste zu ersparen. Uros Sprache ist unbequem und schafft Konflikte. Da ist die (mit überwältigender Mehrheit gegen Uro gewählte) Nachfolgerin sehr viel klüger, wenn sie behauptet: Bei engem Kontakt und genügend Information gibt es keine Konflikte . So schön kann die Welt sein! Anscheinend ist mittlerweile eine Generation von Wählern herangewachsen, die nicht nach Aufklärung, sondern nach positiven Botschaften, ganz im Sinne gängiger Marketingmethoden, verlangt. Die Rolle dieser Wähler kommt mir bei Christa Gießler etwas zu kurz; die Autorin stellt die Ränkespiele von Gemeinderäten, Vereinen und Presse (auch in ihrem Zusammenspiel) überzeugend (und spannend!) dar. Das Wahlvolk, letztlich für das Wahlergebnis verantwortlich, bleibt eher im Hintergrund, auch wenn immer wieder aus einzelnen Leserbriefen zitiert wird. Für mich bleibt es eine offene Frage, warum in einer Gemeinde wie Meisenkworth Wähler und Vereinmitglieder ihren Meinungsführern nicht ins Wort fallen und deren Ränkespiele am Ende durch ihr Wahlverhalten sogar belohnen? Kann es sein, daß Gemeinderäte und Vereinsvorsitzende ziemlich gut die kommunale Kultur verinnerlicht haben, die sie repräsentieren? Die Rolle der lokalen Presse hat mich wenig überrascht. Längst hat man sich daran gewöhnt, daß die Presse ihr Produkt konsequent vermarktet. Und natürlich verkaufen sich als Skandale aufgemachte Meldungen und Reportagen besser als der faire und gut recherchierte Bericht. So macht man Zeitung. ff (Burkhart Krupp)
(Auszug 2) ... Da tut es gut, daß Christa Gießler es sich leisten kann, in ihrem Buch (sorgfältig fundierte) Presseschelte zu üben. Viele können sich so etwas nicht erlauben in einer Gesellschaft, in der mediengerechtes Verhalten geradezu ein Überlebensgebot ist. Und gegen dieses zentrale Gebot hat Uro , der Protagonist, verstoßen. Wahrscheinlich ist er zu sehr Jurist, zu sehr auf sachliche Lösungen hin ausgerichtet gewesen, um der medialen Seite seiner OB-Rolle entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht hat er auch deren Bedeutung in ihrer Tiefendimension für eine schwäbische Gemeinde nie wirklich begriffen. Das Buch nimmt den Leser für Uro ein. Dies hat auch damit zu tun, daß das Bemühen der Autorin um Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit nicht aufgesetzt wirkt. Denn um ein Stück Gerechtigkeit ging es ihr von Anfang an. Sie hatte als Außenstehende die Berichterstattung über Uro mitbekommen, die immer stärker ihr Mißtrauen weckte, da sie kampagneartige Züge annahm. Daß dieses Mißtrauen begründet war, zeigen ihre Recherchen nur allzu deutlich. Und so verschafft Christa Gießler dem Leser doch einen kleinen Triumph; denn in diesem Buch ist wenn auch im Nachhinein- ein Stück Gerechtigkeit wiederhergestellt worden. Man muß kein Prophet sein, um der Autorin eine nicht unstrittige Aufnahme ihres Buches vorauszusagen. Denn die Meisenkworther (und auch andere) werden nicht gern in den Spiegel schauen, den Christa Gießler ihnen vorhält. Doch dies ist zweitrangig. Viel wichtiger ist es, daß der Rommelfänger Menschen weit über Meisenkworth hinaus erreicht, ihnen Ärger bereitet und zu denken gibt. Hoffentlich trägt er nicht dazu bei, solche Kandidaten und Bürgermeister abzuschrecken, für die Kommunalpolitik mehr ist als das möglichst konfliktfreie Managen von Kommunikationsbeziehungen. Denn unterhalb dieser Oberfläche gibt es vielleicht doch die Sehnsucht nach Bürgermeistern, die für Inhalte stehen, nicht immer bequem, dafür aber verantwortlich und zuverlässig sind. An denen man sich reiben kann und die mit Uro sagen: Ich lasse mich nicht verbiegen . (Burkhart Krupp)
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